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Game of Thrones: Die Symphonie des Kampfes

Game of Thrones: Die Symphonie des Kampfes
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Viele von uns erlebten die ersten großen Nerd-Chills bei Schlachten aus Herr der Ringe oder Kämpfen in den ersten Superhelden-Filmen unseres Jahrtausends (X-Men von Bryan Singer oder Spider-Man von Sam Raimi). Doch Game of Thrones baut mehr Spannung in Einzelkämpfen auf, als wir je erlebt haben und präsentiert uns Schlachten, die in ihrer Epik alles bisherige übersteigen. Kaum eine Folge beweist dies besser als die neueste Episode 4 aus der 7. Staffel. In diesem Beitrag analysieren wir das Wesen der GoT-Auseinandersetzungen bis auf ihre Knochen, bis auf die unglaublich intelligente Grundstruktur. Warum bewegen uns Kämpfe und Schlachten in Game of Thrones immer wieder bis aufs Mark?

Vorsicht! Der folgende Text enthält Spoiler zur aktuellen 4. Folge der 7. Staffel von Game of Thrones!

Arya Stark vs. Brienne von Trath

Jede Auseinandersetzung in einem Film oder in einer Serie wird grundlegend vom Setup bestimmt. Was steht auf dem Spiel? Obwohl es in dieser Kampfszene nur um „Training“ geht, bringen beide Charaktere extrem viel Emotionen durch ihre Vergangenheit mit. Brienne wollte Arya vom Bluthund retten, dies mündete in dem Kampf zwischen ihr und Clegane. Sie besiegte ihn und gilt seitdem als die beste Kämpferin in Westeros. Arya ließ sich damals aber nicht retten und die letzten Folgen deuteten nur an, was Arya mittlerweile für Fähigkeiten erworben hat (Rache an Walder Frey). Der Bluthund war schließlich nur einer ihrer Lehrer.

Das alles ist eine sehr geladene Ausgangssituation und wir werden durch nur einen Satz sehr effizient an all dies erinnert: „Der hat den Bluthund nicht geschlagen – ihr schon!“. Zudem stiftet dieser eine Satz gleich sehr viel zusätzliche Verwirrung beim Zuschauer. Ein Element, das die Macher von Game of Thrones mehr als genial zu nutzen wissen. Sie spielen immer wieder mit unseren bewussten und unbewussten Vorurteilen über das Medium Film. Um was geht es hier nun eigentlich? Sucht Arya nur einen weiteren Trainer oder will sie mehr? Will sie sich beweisen, dass sie nun weit über einem ihrer ehemaligen Trainer steht, indem sie die besiegt, die ihn besiegt hat? Unterbewusst baut also allein dieser Satz extreme Spannung auf.

Brienne sagt dann: „Das könnt ihr nicht verwenden MiLady, das ist zu kurz.“ Wir wissen also eindeutig, als was Brienne diesen Kampf sieht. Sie ist die Lehrerin und unterweist eine Schülerin. Durch Aryas Entgegnung „Ich werde Euch nicht schneiden, sorgt Euch nicht,“ beginnt in Brienne ein Wandel der Perspektive. Wir erleben hier also nicht nur eine Choreographie mit Schwertern (Episode I .. hust!), sondern ein Drama, das nicht über Wörter, sondern mittels eines Schwertkampfes erzählt wird. Durch jeden Schlagabtausch, den Arya zu gewinnen scheint, wird die Situation ernster. Wir erleben nicht nur eine Abfolge von Schwerthieben, sondern Briennes Wandel von der Lehrerin zur Kämpferin, die diese Auseinandersetzung als einen Konflikt um Leben und Tod begreift. Das reißt uns emotional mit. Den Höhepunkt dieses Charakterbogens erleben wir, als Brienne einen “Dirty Move” einsetzt und die viel kleinere Arya zu Boden tritt.

An diesem Punkt erkennt Brienne wieder die eigentliche Situation. Es ist nur ein Training – sie verfiel in eine Art Kampfrausch – obwohl sie nur die Lehrerin ist. Kurz vor dieser Einsicht bleibt die Kamera auch eine Sekunden länger auf Arya, die am Boden liegt. Wir sind es durch unser Wissen über Film und Fernsehen gewohnt, dass diese eine Sekunden und die nachfolgenden Blicke bedeuten, dass der Kampf eigentlich vorüber ist. Wir stellen uns auf ein „Gut gekämpft, und wir trainieren weiter zusammen!“ ein.

Doch dann springt Arya wie ein Katze hoch und begibt sich in die kampflustige Position eines agilen Panthers, oder fast schon einer Kobra. Und an diesem Punkt überkommen wahre Fans Nerd-Chills vom Feinsten. Seit dem ersten Training mit Syrio Forel warten wir auf genaue diese Arya, die unbesiegbare Assassine. In der Szene wechselt das Setup auch innerhalb dieser wenigen Frames. Jetzt wissen wir, dass es hier nicht um Training, sondern um ein Kräftemessen gleichwertiger Gegner geht. Genau an dieser Stelle setzt erst die Musik ein. Aber nur weil wir durch diese emotionale Reise geführt wurden, sind wir an diesem Punkt total gebannt und in den Kampf emotional investiert.

Der unentschiedene Ausgang zaubert uns dann das gleiche Lächeln auf das Gesicht, wie den Charakteren. Mit einer seltsamen Art der Befriedigung erkennen beide, dass sie Meisterinnen ihrer jeweiligen Kampfdisziplinen bzw. Stile sind, obwohl kein Mann ihnen das jemals zugetraut hätte. Es wurde eine unsterbliche Verbindung zwischen diesen beiden Charakteren in weniger als 2 Minuten geschaffen. Eine Leistung, die eine hirntote Romantik-Komödie oft in 90 Minuten nicht schafft. Als kleiner Bonus für uns Nerds kommt noch die Frage: „Wer hat Euch das alles gezeigt?“ mit der Antwort und dem Verweis auf die gesichtslosen Männer: „Niemand!“

Anmerkung: An dieser Stelle hat die deutsche Synchronisation ein wenig ausgelassen. Bei dieser letzten Frage hätte das englische „you“ nicht als „Euch“ sondern als „dir“ übersetzt werden können, um die neu geschaffene Verbindung zwischen den Charakteren zu unterstreichen.

Kräftemessen der Kriegerinnen: Arya gegen Brienne

Die Lennister Armee gegen die Khaleesi und ihr Khalasar

Die letzte Auseinandersetzung in Game of Thrones in dieser Größenordnung war die „Schlacht der Bastarde“. Wir klammern an dieser Stelle die Einnahme von Casterlystein aus, da diese Begegnung auf ganz andere Weise „erzählt“ wurde. Der Vergleich der Schlacht der Bastarde und dieser Schlacht zeigt extrem schön auf, wie uns die Macher von GoT an ein Konzept gewöhnen und dieses dann wieder auf den Kopf stellen, um uns zu überraschen und uns in die Handlung zu vertiefen.

Schon vor dem Start der Schlacht breitet sich Dunkelheit über dem Schlachtfeld aus. Ich bekomme an dieser Stelle schon multiple Nerd-Chills, da es sich um „Foreshadowing“ in mehrfacher Hinsicht handelt. Es wird etwas Schlimmes passieren. Egal ob dieser aufkommende Schatten bewusst oder unbewusst wahrgenommen wird, die Macher beziehen sich auf dieses Gefühl des nahenden Unheils unglaublich oft in den folgenden Minuten. Das lang anhaltende Hufgetrampel und das Geschrei unterstreichen dieses Gefühl noch zusätzlich über das Audio und die Länge. Das fühlt sich am Ende nicht wie die Ankunft einer epischen Streitmacht (vgl. Herr Der Ringe), sondern direkt unbehaglich an – oder nicht?

Schon die nächste Szene ist so genial, dass ich beinahe sprachlos bin. Jamie Lennister möchte durch sein „Die können wir schon abwehren“ andeuten, dass ein gewisses Hin-und-Her entsteht, wie in der Schlacht der Bastarde (John Snchnee schien verloren, als er alleine vorne steht, doch dann hilft im seine Armee plötzlich aus dem Rücken heraus, usw.). Der Khalasar hatte seinen Auftritt und wir sind nun durch jahrelange Filmerfahrung gewohnt, dass nun die Gegner Zeit haben, sich in Stellung zu bringen. Selbst den Orcs in Herr der Ringe wurde diese Zeit gewährt. Aber denkste!

Ein bisschen Panik in den Augen: Jamie und Bronn

Wir finden die Drachen immer noch unglaublich episch, da sie oft eingesetzt werden, um solche Gewohnheiten zu durchbrechen. Das Drachengeschrei fällt Jamie beinahe schon ins Wort und sofort wird klar, das ist keine Schlacht zwischen halbwegs ebenbürtigen Gegnern, wie wir es kurz zuvor im Kampf zwischen Arya und Brienne gesehen haben – Das wird ein Gemetzel.

Es folgen beinahe drei volle Minuten Schlachtgetümmel. Natürlich ist das auch eine Art Fan-Service mit Anlehnungen an Mongolen-Armeen und viel Feuer. Der ganze Tod kann aber auch als ein Stilmittel verstanden werden, um die Stimmung des nahenden Unheils zu halten, während es sich dabei selbst um das erste, vorausgesagte Unheil der ganzen Schlacht handelt. Die Lennister-Armee scheint keine Chance zu haben. Nur ein Charakter kann in dieser Situation noch helfen, da er an das Kämpfen im Chaos und nicht an geordnete Schlachtreihen gewohnt ist: Bronn! (Er zögert beispielsweise keine Sekunde, ein Schwert aus einem Toten zu ziehen, um es selbst einzusetzen!)

Allein die Tatsache, dass dieser Charakter im weiteren Geschehen die Hauptrolle übernimmt, vermittelt das Gefühl, dass alles möglich ist. Dieses Gefühl wird noch weiter verstärkt, als einem Pferd das Bein abgehakt wird. Eine brutale Szene, die in solch genauer Darstellung beinahe einzigartig ist. Gewalt gegen Tiere wird in den wenigsten Filmen und Serien gezeigt. Davor hängen meist noch dem Hauptcharakter die Eingeweide heraus. Es geht hier aber nicht darum, einen Schockeffekt zu erzeugen, wie ihn meine Schwester als Reiterin bestimmt bis ins Mark und Bein verspürte, sondern erneut zu unterstreichen, dass alles möglich ist. Wenn einem Pferd das Bein abgeschnitten wird, was sollte dann noch Drachen retten? Zumindest bezüglich dramaturgischer Logik.

Dann spulen wir nur ein klein wenig auf die Szene mit der Harpune vor. Dieser kurze Abschnitt zeigt besonders bildhaft, wie die GoT-Macher mit unseren Erwartungen spielen. Wir erinnern uns, dass Ramsay Bolton Rickon erst mit dem vierten Pfeil traf. Dadurch wurde die filmische Regel der Drei durchbrochen. Wer dies bewusst erlebt hat, wusste schon, was hier kommen musste, aber für die meisten Zuschauer war es eine erneute Überraschung. Die gewöhnliche Regel der Drei und die etablierte Regel der Vier wurde durchbrochen, indem Bronn mit dem zweiten Pfeil den Drachen trifft. Wir bekommen zudem einen erneuten Pay-off für das „kommende Unheil“ serviert. Stirbt der Drache? So wie diese Situation filmisch aufgebaut wurde, erscheint dies möglich.

Die Macher setzen aber noch eines drauf, als der Drache verletzt landet. Jetzt kehrt GoT plötzlich wieder zu der Regel der Drei zurück. Das „Foreshadowing“ bezog sich tatsächlich auf drei mögliche Geschehnisse. Die Lennister-Armee wird überrannt, ein Drache stirbt und was passiert nun mit Jamie, während Tyrion nur meint, er ist ein Idiot. Wir sind so sehr an das Muster der Drei gewohnt, dass wir tief in uns nur glauben können, dass nun endlich das prophezeite, finale Unheil naht. Um letztlich zu wissen, inwiefern unser innerstes Gefühl richtig lag, müssen wir jedoch auf die nächste Folge warten. So macht man eine Serie!

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